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Bolle wird "geliftet"...

Tan-Tan - Ait Melloul (Marokko)

Was für ein Gehoppel und Geschaukel...

 

 

Durch die letzten zwei Wochen in freier Wildbahn und unliebsamem Gelände war uns eins klar: Wir lieben Offroad.... ABER es muss etwas passieren... und zwar an Bolle's Blattfedern.

Wir spürten jeden einzelnen Stein am Po. Unsere luftgefederten Sitze konnten zwar einiges abfangen, aber als diese Daniel einmal fast mit dem Kopf durch die Decke des Fahrerhauses katapultierten, war es dann doch zu viel des Guten. Daniel und Markus mussten auf unserer Tour durch's Draa-Tal bereits die Hälfte der gebrochenen Befestigungsbolzen zwischen Kabine und Chassis ersetzen. Das kann auf Dauer für Mensch und Kabine nicht gut sein.

 

Da Bolle dieses Jahr seinen 40. Geburtstag feiert und er seit jeher immer noch auf den ursprünglichen Blattfedern fährt, darf er auch mal etwas Zuwendung bekommen. Bloß wo finden wir einen Schmied, der sich damit auskennt? Nach viel Recherche und guten Hinweisen aus einem Forum für Allrad-LKW's hieß es für uns: Ab nach Ait Melloul in der Nähe von Agadir.... also nochmal 300 km nördlich fahren, was nun eigentlich garnicht in unseren Fahrplan passt. Hier soll jedoch das Mekka der LKW-Werkstätten sein. Also nehmen wir den Umweg gerne in Kauf.... wir haben ja schließlich Zeit und wollen keinen "Murks" kaufen.

Der Weg dorthin war ziemlich "sandig" ;). Wir hatten wiedermal das Gefühl, im Niemandsland zu sein. Durch den Wind hatten wir keine weite Sicht, da die vielen Sandverwirbelungen die Straßen in einen beige-braunen Nebel hüllten. Es war irgendwie mystisch! :)

 

Nur irgendwie konnten wir die Aussicht und die Fahrt nicht genießen. Irgendetwas stimmte mit Bolle nicht. Er kam nicht auf Touren und der Drehzahlmesser dümpelte immer im Niedrigbereich rum. Er hatte einfach keinen "Bums" mehr und der Motor wurde zudem immer heißer, bis schließlich die rote Warnleuchte anging......Klasse!!... Erst mal rechts ran fahren. Wir wollen ja schließlich keinen Motorschaden riskieren. Heute haben wir das Glück auf unserer Seite, und das am ersten Tag, an dem wir nicht mehr mit zwei Fahrzeugen unterwegs sind.

 

Während Daniel die Motorhaube aufklappte und sich auf Fehlersuche begab, kam nach bereits 5 Minuten ein hupendes Auto angedüst und hielt hinter unserem LKW an. Es stieg ein Marokkaner aus, der seinen Sohn auf dem Beifahrersitz dabei hatte. Er fragte, ob wir Hilfe benötigen, er sei Mechaniker. Woow, da haben wir ja echt Glück!

 

Wir versuchten, ihm mit Händen und Füßen zu erklären, wo das Problem lag. Nach einer Probefahrt hatte er es aber dann schnell verstanden und legte los. Ziemlich zielstrebig schraubte er mal hier und drückte mal dort und hatte das Problem schnell gefunden: Unser Dieselfilter hatte sich mit Sand zugesetzt. Glücklicherweise hatte Daniel einen neuen Filter dabei und wir konnten das Problem schnell beheben. Wir gaben dem Marokkaner 50 DH (ca. 5 Euro) und er brauste davon. Es dauerte noch keine 10 km, da sahen wir ihn nochmal reparierend am Straßenrand stehen. Er half gerade einem liegen gebliebenen LKW. Gute Geschäftsidee dachten wir.... einfach auf der Landstraße hin und her fahren und den ganzen LKW's auf die Sprünge helfen ;)

 

In Ait Melloul angekommen fuhren wir zu Hussein. Er betreibt dort eine Feder-Schmiede. Wir erklärte ihm unser Problem, aber irgendwie gab es auch hier wieder die üblichen Verständigungsprobleme. Er rief daraufhin einen Freund an, der deutsch sprechen konnte und es dauerte keine 20 Minuten, bis er mit seinem Auto extra gekommen war, um zu übersetzen. So war das Problem schnell verstanden und Hussein bot uns an, die Nacht bei ihm in der Werkstatt zu verbringen. Angesichts dessen, dass wir uns in einem reinen Werkstattviertel befanden und es dort keine Schlafmöglichkeit gab, nahmen wir das Angebot dankend an. So kann er wenigstens am nächsten Tag pünktlich loslegen. Wir waren schon ganz gespannt....

Am nächsten morgen um 8.30 Uhr mit der üblichen marokkanischen halbstündigen Verspätung (wir Deutschen haben ja bekanntlich die Uhr, die Marokkaner haben die Zeit) war es dann soweit: Unser Bolle wurde in die Luft gehoben und drei Marokkaner begannen, die Blattfedern zu demontieren. Es floss Schweiß und der Zorn war ihnen ins Gesicht geschrieben, denn nach 40 Jahren ließen sich die Dinger nicht so einfach herausnehmen. Final musste allerdings jede Mutter nachgeben, denn die Marokkaner waren ohne Maschinen oder andere elektrische Helferlein stärker. Irre!!! Es ist schwer zu beschreiben, was diese Männer an einem einzigen Arbeitstag leisten müssen. Nur soviel.... es gibt keinen Gabelstapler, der die über 100 kg schweren Federn heraushebt. Das macht man hier mit reinster Manneskraft. Auch gibt es keinen sauberen Arbeitsplatz. Der Lehmboden war durch die Regentage zuvor ziemlich matschig. Sicherheitsschuhe trägt nur derjenige, der es sich leisten kann, also kaum einer. Abends um 20.30 Uhr war es dann geschafft. Alle Federn waren neu gebogen mit Amboss und Hammer und danach wieder eingesetzt. Wir haben uns noch zusätzliche neue Lagen einbauen lassen für eine bessere Federkraft.

 

Wir waren fasziniert! Hussein sagte uns, dass in Deutschland so alte Federn nicht mehr eingebaut werden würden. Wir hätten neue kaufen müssen. Hier in Marokko wird alles repariert was nicht auseinander fällt. Er kennt Deutschland nur aus der Ferne, aber das weiß er. Ich musste ihm zustimmen. Früher gab es noch Röhrenfernseher und ich erinnere mich, dass diese repariert wurden. Aber ich kenne keinen, der seinen Flatscreen reparieren lässt. Es ist ja auch viel schneller und einfacher, einen Neuen zu kaufen. In Deutschland ist eine Reparatur zu teuer - in Marokko hingegen ist das Neugerät für die Menschen dort unbezahlbar. In Deutschland gab es die Abwrack-Prämie und ich glaube, dass viele der "verschrotteten" Fahrzeuge in Marokko gelandet sind. Kaufen - nutzen - wegschmeißen - neu kaufen ... das ist der Materialkreislauf in Deutschland. In Marokko wird einmal gekauft, meist gebraucht, und dann genutzt bis es nicht mehr geht. Bis es auseinanderfällt und selbst dann wird einfach ein Klebeband drum gewickelt, damit es noch länger nutzbar ist.

Im Endeffekt verbrachten wir ganze zwei Tage in der Werkstatt, da die Blattfedern nochmals nachjustiert werden mussten. Also am zweiten Tag wieder alles ausbauen.... was für ein Mordsaufwand und für jeden der Beteiligten eine Tortur. Die Arbeiter waren fix und alle vom Schrauben, Heben und Hämmern. Daniel musste sich zwei Tage lang draußen die Beine in den Bauch stehen und den Jungs über die Schultern schauen, damit auch alles ordentlich gemacht wird (das sollte man in Marokko nämlich unbedingt tun!). Ela, Zoe und Merlin verbrachten die ganze Zeit im geschlossenen Wohnmobil. Man konnte nicht mal spazieren gehen, denn die Straßenhunde in dem Schrauber-Viertel waren sehr aggressiv und es gab auch nichts weit und breit außer dreckige Werkstätten. Wir waren alle sehr froh, als wir am zweiten Abend am Stadtrand in der Nähe eines Parks übernachten konnten. Aber auch hier war das Gassi-Gehen nicht wirklich stressfrei. An den Stadträndern leben überall streunende Hunde in riesigen Rudeln, die so ziemlich unberechenbar sind. Man sagt ja, bellende Hunde beißen nicht.... aber dafür würden wir hier keinesfalls die Hand ins Feuer legen. Aus diesem Grund fahren wir in Marokko auch nicht gerne in Städte, sondern bleiben lieber in der Natur. Wo streunende Hunde sind, besteht auch die Gefahr von Giftködern. Wir können in solchen Stadtrandgebieten dann nie stressfrei stehen. Da sind wir lieber offroad unterwegs, wo Merlin sich frei bewegen kann :).

 

Zu unserer Freude lässt sich Bolle nun viel angenehmer fahren als zuvor... fast wie auf einer Wolke ;). Ok, das ist übertrieben, aber wir sind happy! Jedenfalls ist Bolle nun ganze 10 cm höher, er wurde quasi "geliftet" ;) Ela muss  nun erst die Leiter ausfahren und raufsteigen, um die Tür öffnen zu können ;)

 

In der Zwischenzeit hatten wir übrigens unsere Wäsche in einer Wäscherei waschen lassen, und zwar ganze 23 kg! Das war so viel, dass wir drei Mal mit voll gepackten Tüten zur Wäscherei stiefeln durften, die blöderweise in einer engen Gasse gelegen war. Ihr kommt nicht drauf, was es gekostet hat, die Wäsche schrankfertig wiederzubekommen!.... 23 Euro, also 1 Euro/kg Wäsche!! Das ist doch genial, oder!? 

 

Und so fuhren wir dann mit frischer Wäsche und 10 cm höher über dem Boden ganz "smooth" weiter. Wir möchten die Zwischenzeit bis zur Lackierung in Tafraoute am 1. März nutzen, noch ein wenig in den Dünen am Meer zu entspannen. Doch die Freude hielt nicht lange, denn auf einmal gab dann auch noch unsere Lichtmaschine den Geist auf :(. Im nächsten Artikel erzählen wir euch dann von unserer tollen Zeit am Meer und von einem Lichtmaschinen-Desaster, das passiert, wenn marokkanische Mechaniker keine Ahnung von dem haben, was sie tun....

 

Hierzu im nächsten Artikel! Dran bleiben lohnt sich....garantiert ohne Werbung ;)

 

Bis bald,

die Globullis

 


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Kommentare: 3
  • #1

    Carmen und Luca (Freitag, 24 Februar 2017 22:51)

    Hallo meine Lieben,

    mit den Werkstätten habt ihr es gerade bzw, euer Bolle. Hoffe diese Serie reißt bald ab und ihr könnt mit dem Urlaub so richtig starten. Drücke euch die Daumen mit der Reparatur und der Lackierung, dass alles gut wird.

    Luca war gestern ganz stolzer FBI-Agent. Natürlich voll gestylt und sehr glücklich. Na wenigstens er hatte gestern seinen Spaß. Bei mir ist er ja ins Wasser gefallen.
    .
    Lasst es euch gut gehen. Wir denken an euch und drückt Zoe von uns.

    GlG Luca und Carmen

  • #2

    Globulli-Team (Montag, 27 Februar 2017 22:47)

    Hallo Carmen und Luca,

    ja das stimmt...in letzter Zeit kümmern wir uns viel um Bolle.... aber man muss es ja auch als Investment für die Zukunft sehen...gerade die Lackierung. Außerdem ist es mal ganz spanend, Marokkaner bei der Arbeit zu beobachten und auch mal länger in einer Stadt zu sein, um das marokkanische Treiben mal beobachten zu können.

    Passt auf euch auf! Viele Küsse...

  • #3

    Marly (Mittwoch, 01 März 2017 18:16)

    Aber Ihr kommt schon nochmal nach Hause? Sieht fast so aus, als wolltet Ihr in Marokko bleiben. Na, Ihr lernt ja wirklich Land und Leute kennen. Da werden Erinnerungen an unsere italienische Zeit wach. Nachdem bei meinem alten Fiat die Bremsleitung gerissen war und es für diesen Typ keine neue mehr gab, hieß es nur "Signora non problema". Auch hier haben wir kennengelernt, dass man mit viel Improvisation und Geduld weiterkommt. Die haben damals aus kanülartigem Kupferdraht eine Bremsleitung gebastelt. Der deutsche TÜV hätte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Aber es hat prima funktioniert. LG Marly