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Unsere Reise auf den traumhaften Jbel Sahro

Jbel Sahro - Tazzarine (Marokko)

Die Zeit in der Wüste war einfach unvergesslich! Doch wie heißt es... wenn es am schönsten ist, soll man gehen. Und so langsam haben wir die Zeit, die uns noch in Marokko verbleibt, ein wenig im Nacken sitzen. Bislang waren wir immer ohne innere Uhr gereist, haben nicht zu lange in die Zukunft geplant und uns von der Reise- und Abenteuerlust leiten lassen. Ein altes afrikanisches Sprichwort besagt "Erst eine gemächliche Reise ist eine Reise". Doch nun bleiben uns nur noch drei kurze Wochen, um all das zu bereisen, was wir bislang noch nicht geschafft hatten. Zum ersten Mal müssen wir planen, uns die Zeit einteilen... das sind wir garnicht mehr gewöhnt. Irgendwie traurig... Marokko ist so vielseitig und fantastisch, wir könnten hier glatt Jahre verbringen.

 

Nun ist volles Kontrastprogramm angesagt. Nach einer hitzigen und staubigen Zeit im Süden Marokko's möchten wir den Hohen Atlas erklimmen. Seinen kleinen Bruder, den Anti-Atlas, haben wir bereits mehrfach durchquert.  Jetzt soll es auf 2.800 Meter hoch gehen... wir wollen es wissen :)

 

Wie immer freuen wir uns riesig auf das uns bevorstehende Abenteuer und machen uns auf den Weg. In Tazzarine legen wir einen kurzen Zwischenstopp zur Mittagspause ein. Das kleine Durchfahrts-Örtchen ist wahrlich nicht besonders ansehnlich. Wir allerdings fanden es dort genial! :D Wir standen im Nullkommanichts mitten im marokkanischen Gewusel... und das finden wir persönlich ja super. Kein Tourismus, keine nervigen Händler, die uns permanent etwas aufschwatzen wollen, keine typischen Touri-Preise. Hier am Fuße des Gebirges ist man zurückhaltend, auch wenn wir mit unserem Bolle natürlich die Attraktion waren und wir von allen Seiten verwundert beäugelt wurden. Wir parkten mitten auf dem Marktplatz und Ela ging erst einmal zu einem Orangen-Straßenstand... aber wo war bloß der Verkäufer? Ela wartete und wartete.... ich (Ela) schaute fragend die anderen Markthändler an, doch die verzogen keine Miene. Es schien alles normal zu sein. Hmm, komisch.... ach ja, hinter dem klapprigen hölzernen Pferdekarren, auf dem die Orangen aufgetürmt waren, entdeckte ich endlich einen Mann, der in gebückter Haltung auf seinem Mini-Teppich betete. Nun verstand ich und geduldete mich. Nach ca. 7 Minuten stand der Mann mit einer Seelenruhe auf, zog sich die Schuhe an, rollte erst einmal seinen Teppich zusammen, verstaute ihn unter seinem Pferdekarren, hielt noch einen Moment inne und wandte sich mir zu. Cool :) ich kaufte 6 kg Orangen für weniger als 3 Euro. Zweimal cool :)

 

Anschließend genehmigten wir uns in einer rauchenden Mini-Garküche eine total leckere Tajine mit viel zartem Fleisch. Man muss sich das so vorstellen: In Marokko, speziell in den ländlicheren Gebieten, stellen Privatleute einfach einen Grill auf und bieten ihre Tajines an. Die darf man sich dann vorher anschauen, über den Preis diskutieren und sich dann für die leckerste entscheiden. Toll! :) In unserem Fall aßen wir direkt an der Straße auf dem Bordstein an einem kleinen Plastik-Gartentisch, den der Verkäufer für uns kurzerhand organisiert hatte. Er bot uns sogar einen leckeren marokkanischen Tee an, den er aus irgendeinem Haus heraus brachte. Die Tajine schmeckte vorzüglich und insbesondere Zoe haute so richtig rein, während sie entzückt die Straßenkatzen beobachtete. Was für ein toller Tag! 

Dann ging es ab auf die Piste ins Gebirge....

 

Wir fuhren zunächst auf einer ruckeligen Schotterstraße auf eine riesige Gebirgswand zu. Zu diesem Zeitpunkt fragten wir uns noch, wo wohl der Weg lang führt.... zwischen den Bergen hindurch? An den Bergen vorbei? Wir können gar keinen Weg entdecken. Nein, falsch gedacht... es geht einfach darüber! Puhh, ob unser Bolle das schafft? Wir erklommen den ersten kleinen Hügel und standen dann paradoxerweise erst einmal vor einem schmalen geschotterten Serpentinen-Sträßchen, dass in einen tiefen, saftig-grünen Talkessel führt. Die Straße war zugegebenermaßen für den Anfang ein wenig furchteinflößend. Nix da mit Leitplanken... die Begrenzung bestand lediglich aus losen Steinen vor dem Abgrund und man wusste nicht wirklich, bis zu welchem Punkt die Straße am äußeren Rand wirklich befestigt ist. Wir sind ja nun schließlich kein Fliegengewicht und wer weiß, ob und in wiefern das Geröll die Reifen trägt. Aber da die Route laut unserem Offroad-Reiseführer die Bestbewertung in der Kategorie "Landschaftliche Schönheit" vorweist, nehmen wir den Adrenalin- Pegel sehr gerne in Kauf. Wenn wir eins bisher gelernt haben: Wenn wir am Rande unserer persönlichen Comfort-Zone stehen, hat Bolle seine aber noch lange nicht erreicht. Unsere persönliche Wohlfühlgrenze ist schneller erreicht als die Grenze, was unser Auto zu leisten vermag. Natürlich immer mit dem nötigen Respekt und Verstand, denn Naivität und Übermut sind hier mehr als fehl am Platz, aber das versteht sich von selbst.... wer uns kennt, muss sich darüber bei uns auch keine Sorgen machen. Für Daniel war die Strecke dennoch Schwerstarbeit. Wir haben zwar bereits Servolenkung, allerdings musste er in jeder engen Kurve mehrfach Zentimeter für Zentimeter reversieren.

All der Nervenkitzel hat sich im Endeffekt jedoch mehr als bezahlt! Wir durften traumhafte Kulissen in saftig grüne Täler genießen. Wahnsinn, wie das bizarre Vulkangestein hier die Landschaft in einzigartige Gebilde verzaubert. Wir denken uns des Öfteren, dass die Gegend als eine traumhafte Filmkulisse dienen könnte. Wieder einmal fragen wir uns, wie sich die Menschen hier im Gebirge versorgen, denn mit "normalen" Autos ist die Strecke wohl kaum befahrbar. Tatsächlich gibt es hier nur kleine Motorräder und ein paar Minibusse, die die Menschen für die wichtigsten Besorgungen in die nächste Stadt "transportieren". Transportieren im wahrsten Sinne des Wortes. Denn da sind ungelogen 20-25 Menschen in einen engen Mini-Van gestopft, der eigentlich für höchstens 10 Personen ausgelegt ist. Hier wird jede freie Ritze ausgenutzt und auf dem Dach-Gepäckträger wird noch eine Ziege draufgeschnallt. Für uns befremdlich, aber hoch interessant :)

 

Unterwegs treffen wir auf viele Ziegenhirten mit ihren riesigen Herden. Doch niemand bettelt uns an, wie sonst üblich. Hier im Gebirge ist man zurückhaltend. Wir stoßen auf eine Ziegenhirtin, die mit ihrer Herde gerade unseren Weg kreuzt. Die gute Frau war ungelogen mindestens 80 Jahre alt. Als sie uns kommen sah, gab sie sich alle Mühe, ihre kleinen Tierchen so schnell wie möglich von der Straße zu entfernen... wenn notwenig, mit Steinen. Und sie war treffsicher, holla die Waldfee!! :D Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hüpfte in ihrem zarten Alter quietsch-fidel von Stein zu Stein und war genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen war. Unglaublich! 

 

Dann trafen wir auf einen Jungen, der mit seinem Moped ein paar Esel ausführte. Von Weitem hielt er uns ein paar Souveniers entgegen. Wir wunken ab und anstatt uns penetrant hinterher zu laufen, akzeptierte er unsere Entscheidung und wünschte uns mit einem freundlichen Zuwinken eine gute Reise. Das imponierte uns sehr! Wir entschieden uns um und hielten an, um zu sehen, was der Junge interessantes anbot. Seine Freude über unseren Sinneswandel war ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Wir kauften von ihm ein paar kleine Souveniers für unsere Daheimgebliebenen und bekamen sogar noch einen wundervollen selbstgebastelten Anhänger geschenkt. Wir fanden das wirklich herzzerreißend und von nun an hat dieser als Erinnerung und Glücksbringer im Fahrerhaus einen Ehrenplatz.

 

Auf dem Gipfel angekommen hielten wir an einer kleinen aber feinen Herberge an. Der Besitzer, der unsere Zoe-Maus am Fenster sah, kam uns winkend mit seinem 2-jährigen Sohnemann entgegen. Leider ging es dem kleinen Racker überhaupt nicht gut. Er war wirklich sehr krank, hustete stark und ihm lief grünes Sekret aus Augen und Nase. Wir wahren total schockiert! Der Vater erzählte uns stolz, dass er auch eine kleine Tochter habe, die gerade mal 4 Wochen alt ist. Er nahm Ela mit in einen düsteren und kalten kleinen Raum aus Lehm. Auf diesen 5qm hauste die ganze Familie. Die Mutter saß mit ihrem Würmchen auf dünnen Teppichen, nicht auf Matratzen. Die kleine Maus war dick in Tücher eingewickelt und schien noch nicht so wirklich auf der Welt angekommen zu sein. Die Mama war genauso krank wie ihr Sohn. Sie hatte kaum Stimme, um mich zu begrüßen. Ich musste mit den Tränen kämpfen. Wir fühlten, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist, um die alten Sachen von Zoe, aus denen sie herausgewachsen ist, abzugeben. Lange haben wir sie mitgeschleppt und oft wurden wir nach Kinderkleidung gefragt. Aber irgendwie war es für uns bislang noch nicht passend gewesen... vielleicht konnten wir uns davon auch noch nicht wirklich trennen. Aber nun war genau der richtige Moment, dass wir einer kleinen Familie, die ihre Gäste so hoch schätzt, eine Freude damit machen. In voller Euphorie hastete Ela in die Kabine und kruschtelte und kramte.... wir schenkten ihnen den Holzspielebogen von Zoe, unter dem die Babies spielen können. Außerdem gab es Medikamente für den kleinen Mann und seine Mama, sowie Kleidung und Schnuller für das Baby. Die Familie war überglücklich und lud uns zum Tee ein.

 

Aber zuerst führte uns der Mann stolz durch die Räume seiner Herberge. Es gab einen wunderschönen kleinen Shop mit den selben Souveniers wie die, die wir ein paar Kilometer vorher von dem Jungen abgekauft hatten. Dieser hatte große Ähnlichkeit mit seinem Papa ;) Wir erfuhren, dass sein großer Sohn mit dem Moped auf dem Weg zur  Schule war. Unterwegs führte er dann noch die Esel aus und holte sie im Anschluss nach dem Unterricht wieder in den Bergen ab. Und im Rucksack hat er immer ein paar Souveniers dabei, die er abends bastelt, um sie an Touristen wie uns zu verkaufen. Ein fleißiges Kerlchen! Hier hat jeder in der Familie seine Aufgaben. Jedes Kind trägt zum Lebensunterhalt der Familie bei. Dann zeigte der Besitzer uns die beiden Gästestuben. Sie waren zwar spartanisch eingerichtet, aber sie hatten Matratzen auf den Betten. Unglaublich! Da haust die Familie mit dem Säugling auf dem Boden, während sich direkt daneben ein ansehnlicher Raum mit Matratzen befindet. Der Gast soll sich hier schließlich wohl fühlen. Die Familie lebt von diesen Einnahmen. 

In einem weiteren Raum durften wir auf einem Meer von Kissen Platz nehmen und auf unseren Tee warten. Zoe inspizierte neugierig die fremde Umgebung. Alles war sehr autenthisch und herzlich... wir fühlten uns sehr wohl. Doch lange konnten wir nicht bleiben, denn wir mussten noch vor dem Abend unseren Schlafplatz erreichen. Wir machten noch ein paar Erinnerungsfotos zusammen mit der Großmutter und verabschiedeten uns. Die Weiterfahrt war nachdenklich und es herrschte Stille in der Kabine. Wir lassen die letzten Stunden Revue passieren. Uns tat die Familie leid. Und trotzdem schienen sie uns irgendwie auch sehr glücklich dort oben so einsam auf dem Berggipfel.

 

An dieser Stelle fällt mir das Sprichwort ein, welches unsere letzten Wochen und Monate prägt:

 

"Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen" (Guy de Maupassant)

 

Wir müssen erst einmal zur Ruhe kommen und das Ganze verarbeiten... Wahnsinn, welch unterschiedliche Emotionen diese Reise in uns auslöst und welche Spuren die Menschen dabei in uns hinterlassen.

Endlich haben wir unser Nachtquartier erreicht! Wir stehen auf einer wunderschönen Hochebene mit Blick auf die umliegenden Berggipfel. Erst einmal müssen wir uns nach der langen Fahrt alle die Beine vertreten und gönnen uns einen ausgiebigen Erkundungsspaziergang. Zoe freut sich wie ein Keks, weil sie auf Papa's Schultern die umliegenden Schafherden beobachten kann. Merlin hüpft wie ein junges Reh von Stein zu Stein. Wir genießen die Natur, aber in uns arbeitet es gerade. Wir sind dankbar, dass wir in einer Welt mit Perspektiven groß werden durften und dass Zoe Kind sein darf, ohne die Verpflichtung, für ihre Familie sorgen zu müssen. Das ist, auch wenn wir alle das so empfinden, nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit. Das wird uns hier uns Marokko sehr bewusst. Wir sind dankbar... und in diesem Moment besonders glücklich!

Am Wohnmobil angekommen steht unser Bolle inmitten einer riesigen Schafherde. Wieder einmal hüten Frauen ihr einziges Hab und Gut. Auf dem Rücken tragen sie in Tüchern ihre kleinen Kinder. Als die Frauen uns sahen, nahmen sie schnell Reißaus. Das kennen wir von Marokkanern bislang überhaupt nicht. Am Abend lasen wir in unserem Reiseführer, dass wir uns gerade in einer der ärmsten Regionen Marokkos befinden. Und trotzdem leben die Menschen hier sehr zurückgezogen. Wir finden es unglaublich toll, dass diese Menschen sich von Betteleien komplett distanzieren, obwohl sie selbst nichts haben. 

Wir beobachten die Ziegen und Schafe vom Bettfenster aus. Zoe war total begeistert und erfreute sich über jedes "Määäh". Zusammen schauten wir uns noch den atemberaubenden Sonnenuntergang an und fielen dann völlig erschöpft von den Eindrücken des heutigen Tages in unsere Kojen. Wir freuen uns auf den morgigen Tag....

 

Im nächsten Blogartikel nehmen wir euch mit durch die berühmte Todra- und Dades-Schlucht. Und natürlich wieder offroad mit atemberaubenden Aussichten :) 

 

Herzliche Grüße,

die Globulli's


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Kommentare: 4
  • #1

    Marly (Freitag, 21 April 2017 10:25)

    Hallo Globullis! Hihi wie immer bin ich die Erste. Ein interessanter und berührender Blog. Schön, dass Ihr alles mit soviel Gefühl "aufsaugt" und ein Gespür dafür bekommt, wo Hilfe am Nötigsten ist. Ich sitze vor Eurem Blog und träume, dass ich das alles selbst erlebe. Alles Gute. Eure Marly

  • #2

    Öschi / Markus (Freitag, 21 April 2017 22:21)

    Servus, toller Blog-Eintrag und jedes mal beim Lesen ist man mit den Gedanken "live" dabei.
    Liebe Grüße und Pfiat Eich aus dem verschneiten Wien :-)

  • #3

    Martina Maurer (Samstag, 22 April 2017 12:34)

    Hallo Michaela, das liest sich alles echt super. Diese Erfahrungen, Gefühle und Denkanstöße wird euch keiner mehr nehmen. Genießt die Zeit aus vollen Zügen, davon werdet ihr noch lange zehren. Schau doch mal unter tomandtessa.com. Ich wünsche euch noch eine tolle Zeit, und ihr habt Recht auch mit einem Baby/Kleinkind kann man viel ausergewöhnliches erleben, macht nur so weiter und lasst euch durch niemanden beirren. Ganz liebe Grüße Martina

  • #4

    Globulli-Team (Freitag, 12 Mai 2017 21:38)

    Danke für eure tollen Kommentare!!

    @Marly: Es freut mich sehr, dass der Artikel dich berührt hat. Das gibt uns einiges zurück von dem, was wir an Arbeit in die Artikel investieren. Danke hierfür von ganzem Herzen!

    @Markus: Hallo Öschi, mensch, schon lange nichts mehr von dir gehört. Freut uns! Denken gern an die gemeinsamen Trips zurück, war eine tolle Zeit! Hoffentlich irgendwann mal wieder... und wenn wir in Gerlingen sind, kommst uns mal besuchen, wa!?

    @ Martina: Was für eine tolle Überraschung. Musste erst nachdenken, wer du bist, aber beim Lesen von Tessa's Blog ging mir dann ein Lciht auf. Wahnsinn wie schnell die Zeit vergeht und wie "groß" sie geworden ist!! Ich werde alt.... Spaß beiseite.... toller Blog, schöne Aufmachung und mega aufwendig in englischer Sprache. Hut ab! Und weiterhin gute Reise für Tessa und einen lieben Gruß an Simon!