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Ausreise über Ceuta - der Supergau!

Tanger Med (Marokko) - Ceuta (Spanien)

Hallo meine Lieben,

 

heute gibt's für euch den langersehnten Ausreisebericht aus Marokko. Wir haben viel zu erzählen... dieses Mal leider mehr Negatives. Um ehrlich zu sein: Unsere Ausreise war der absolute Supergau! 

Aufgrund von Daniels schlimmer Magen-Darm-Erkrankung mussten wir unseren Fès-Aufenthalt abrupt beenden und machten uns schnurstracks auf den schnellsten Weg über die Autobahn in Richtung Hafen "Tanger Med". Erschwerend kam hinzu, dass unsere Aufenthaltserlaubnis drei Tage später ablaufen wird. Also ziemlich knappe Nummer! Noch ein letztes Mal haben wir in Marokko die Wasserreserven auf Anraten von Daniel komplett aufgefüllt. Ich wollte lieber in Europa alle Tanks mit "sauberem" Wasser auffüllen. Gott sei dank habe ich auf meinen Göttergatten gehört... und so füllten wir all unsere Tanks bis zum Anschlag. Im Nachhinein betrachtet eine sehr gute Entscheidung, denn wir haben das Wasser gebraucht!

 

An dieser Stelle ein Tipp für Reisende mit Kind...

Auch wenn man beim Reisemobil immer auf jedes Zusatzkilo-Gewicht achten muss, so hat es sich für uns auf der ganzen Reise als vorteilhaft und entspannter erwiesen, stets mit vollen oder annähernd vollen Tanks zu fahren und lieber öfters kleine Mengen nachzufüllen. Wie auch Zuhause läuft auf einer Reise nicht alles glatt. Es passieren immer wieder unvorhersehbare Dinge, auf die man sich als Alleinreisender, aber auch insbesondere auf einer Reise mit Kind wappnen sollte. Das muss nicht immer direkt eine Erkrankung oder der besagte Supergau sein. Wir standen auch schonmal bei sängender Hitze in Portugal in der Prärie, und waren froh, genug Wasser für das Planschbecken für Zoe zu haben. Außerdem ist unser Bolle auf Autarkie ausgelegt und wir nehmen uns die Freiheit heraus, an Orten die uns gefallen, spontan länger zu bleiben (zB. in der Wüste). Ein gefüllter Tank verschafft uns mehr Flexibilität und Gelassenheit. Das ist uns wichtiger, als der erhöhte Kraftstoffverbrauch... insbesondere, wenn man sich, wie wir, vorwiegend abseits der Straßen aufhält. Und ich gewinne somit die Freiheit, mir auszusuchen, wo ich auffüllen möchte und muss nicht jede Brühe in unseren Tank leiten.

 

Aber nun zurück zum eigentlichen Thema.

Sturm, Durchfall und dann auch noch eine Panne!

Ein Sturm kam auf und verwandelte die Landschaft in eine graue, trübe "Suppe". Daniel hatte Mühe, Bolle auf Kurs zu halten, denn der musste gegen die peitschenden Seitenhiebe ganz schon ankämpfen. Auf der Autobahn hat es mehrere Fahrzeuge auf Brücken einfach weggeweht. Ein Brummifahrer musste seine Dachplane in der Pampa suchen gehen, während ein anderer LKW einfach umgeschmissen wurde. So langsam wurde mir, die doch nicht ganz seefest ist, bewusst, dass die Ausreise bei diesem Unwetter auf dem rauen Atlantik kein Zuckerschlecken werden wird. Da frage ich mich, die ja eine Verfechterin von homöopathischen Mittelchen ist, ob die kleinen Zuckerkügelchen mir ausreichen werden. Ich wurde immer unruhiger.... und sehnte mich plötzlich nach der vollen Dröhnung Reisetabletten!

Der Durchfall hatte nun auch mich und Zoe erreicht. Auf der Autobahn mussten wir mehrfach anhalten, um nacheinander auf den Pott zu gehen, Zoe's Windeln zu wechseln und sie einmal sogar komplett umziehen. Ok, DAS ist nun der Supergau! Nun müssen wir raus aus dem Land, so schnell wie möglich! Zoe hatte außer Durchfall keinerlei Auffälligkeiten und gluckste munter vor sich hin. Es fiel uns nicht leicht, ein quietsch-fideles  Kind, welches irrsinnige Lebensfreude beim Hopsen auf unseren Bäuchen hatte, in Zaum zu halten. Aber wir waren einfach nur froh, dass sie gut drauf war. Das Wettrennen gegen die verstreichende Visumfrist und auch das heftig tobende Wetter machten es nicht besser. Und als ob das nicht schon genug Trubel gewesen wäre, erschraken wir plötzlich durch ein furchtbar lautes Dröhnen und Vibrieren.... Auspuff gebrochen! Oh nein, nicht auch noch das!! Nicht jetzt!

 

Back to the Roots: Die marokkanische Hilfsbereitschaft

Marokko wäre nicht Marokko, wenn.....

.... nicht an der nächsten Autobahnausfahrt direkt ein hilfsbereiter Tajine-Verkäufer angerannt kam, auf sein Telefon zeigte und uns mit seinem Daumen hoch ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Es dauerte noch keine 20 Minuten, da kamen schon zwei junge Marokkaner auf ihrem Moped angedüst und schraubten unaufgefordert unseren Auspuff ab. Service und Hilfsbereitschaft pur! Was für ein herzliches Land! Aber manchmal sind die Marokkaner auch etwas übermütig. Sie versuchten tatsächlich, das lange und dicke Auspuffrohr zu zweit auf ihrem Mini-Moped abzutransportieren.... und mussten dann einsehen, dass DAS nicht funktionieren kann. Aber es sah witzig aus... großes Kino! Keine 10 Minuten später kam ein Auto mit Ladefläche und nahm unseren Auspuff mit. 

Da standen wir nun.... ohne Auspuff und völlig abhängig von zwei jungen Marokkanern, von denen wir weder Namen noch die Werkstatt kannten. Blöderweise sprachen die Jungs nur arabisch, sodass eine gescheite Kommunikation unmöglich war. Das Wichtigste verhandelten wir mit Hilfe von Stift und Papier. Eine Uhr mit aufgemalten Zeigern sagte uns, dass sie in einer Stunde wieder da sind. Naja, hoffen wir mal, dass wir trotz marokkanischer Unpünktlichkeit heute noch zum Hafen kommen. Viele durchgestrichene Zahlen mit einem Dirham-Zeichen dahinter waren das Überbleibsel einer stillen Verhandlung über den Preis. Denn natürlich muss man vorsichtig sein und Preise stets vorab verhandeln, insbesondere wenn die Marokkaner wissen, dass man auf sie angewiesen ist. 

In der Zwischenzeit kam dann auch schon der Koch freudestrahlend mit einer Tajine in der Hand über den großen Parkplatz gelaufen und hielt uns den großen Tontopf in die Kabine rein. Es duftete köstlich nach zartem Ziegenfleisch und frischem Gemüse. Diese Gastfreundschaft wollten wir nicht ausschlagen und so aß ich ein paar Happen davon, während der Rest in einer Tupperdose landete. Für Daniel und Zoe gab es Kartoffeln mit Möhren. 

Nachdem unser Auspuff wieder angeschraubt war und wir sowohl die beiden Jungs, als auch den Koch und Parkplatzwächter fair entlohnten, machten wir uns wieder auf den Weg in Richtung Hafen. Leider brach mittlerweile die Dämmerung an. Auf unserer Reise haben wir uns stets an das Gebot gehalten, in Marokko nicht bei Dunkelheit zu fahren und so suchten wir unseren bekannten Campingplatz in Larache auf, den wir bereits nach unserer Einreise besucht hatten und kauften vorher noch ein letztes Mal auf marokkanischem Boden ein.

 

Tanger Med.... Land in Sicht!

Aufgrund der Umstände haben wir in den letzten Tagen nur wenig Bilder gemacht. Ein Foto von Daniel, wie er nach tagelanger Magen-Darm-Grippe trotzdem noch versucht, in die Kamera zu Lächeln und stets das Positive zu sehen, habe ich mir allerdings nicht nehmen lassen. Trotz seiner Konstitution hat er sich bis zum Schluss kaum beschwert und einfach nur funktioniert. Schon jetzt steht fest: Nach der Ausreise geht es ganz schnell in Richtung Portugal und da erholen wir uns erst einmal von den Strapazen.

Am nächsten Tag wollten wir um 13 Uhr die Fähre nehmen, damit wir am Nachmittag noch Zeit hatten, in Algeciras ein Krankenhaus aufzusuchen. Den Abend verbrachten wir damit, alle Dokumente bereit zu legen, die Ausreisepapiere für uns und Bolle auszufüllen und uns im Internet hinsichtlich Reisedurchfall zu informieren. Wenn ein Kleinkind Durchfall hat und dann auch noch in einem fremden Land, ist dies sehr ernst zu nehmen.

Am nächsten Tag war das Wetter immer noch bescheiden. Wir fuhren zeitig ins Hafengelände ein und wunderten uns, warum hier ein riesiger Tumult herrschte. Autos und Wohnmobile haben sich nicht nur auf den Parkplätzen breit gemacht, sondern blockierten die Zu- und Ausfahrt, sodass es für uns 1 Stunde nach Ankunft weder vor noch zurück ging. Im Hafengelände gibt es nichts außer ein paar Wechselbuden. Rein garnichts! Kein Lebensmittel- oder Getränkeladen, keine Reiseinformation.... lediglich die Schalter der einzelnen Reedereien... mit geschlossenen Fenstern. Und, dies sollte nicht unerwähnt bleiben, eine mini-mini-mini-Rasenfläche für Merlin's Geschäft. Auf dem Platz sprach sich rum, dass aufgrund des Wetters keine einzige Fähre ablegt. Aber es gab auch keinerlei Information darüber, wann sich dieser Zustand ändern wird!

 

Wir verbrachten 2 Tage eingepfercht in dem Verkehrschaos und hofften stündlich, dass sich etwas bewegt. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz einwerfen, dass das Volumen unserer Thetfort-Schwippschwapp-Toilette begrenzt ist und der Tank schon fast überlief. Nach der Reise muss ein neues Klo her! Das geht garnicht!!! Immer wieder ging ich zum Schalter, aber stand vor verschlossenen Türen. Wir vermuteten, dass ein heilloses Chaos ausbrechen wird, wenn die erste Fähre anlegt. Es gab keine festen Platzreservierungen, denn hier gilt das Motto: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Es gilt NICHT, wer zuerst auf dem Parkplatz stand und am längsten gewartet hat, darf zuerst auf's Schiff... sondern der, der sich ganz nach vorne an den Schalter kämpfte, hatte Vortritt. Na hoffentlich gibt es da mal keine Meute! Ich stellte mir jetzt schon das Horrorszenario vor dem Untergang der Titanic vor, wo sich die Menschen halb totgeschlagen hatten, um einen Platz auf dem Rettungsboot zu ergattern. :D

 

In der Nacht ging ich deshalb alle paar Stunden raus, um zu schauen, ob sich eine Schlange am Schalter bildete. Irgendwann erwischte ich nachts einen Sicherheitsmann und schilderte unsere prikäre Lage und dass unser Kind zum Arzt müsse. Mittlerweile hat Zoe den 3. Tag Durchfall und wird langsam schwächer. Gott sei Dank stille ich noch!! Das war eine große Erleichterung, denn Zoe wollte mittlerweile nicht mehr viel festes Essen zu sich nehmen. Der hilfsbereite Marokkaner konnte uns zwar keine Auskunft darüber geben, wann die nächste Fähre anlegt, aber er riet uns, ins Krankenhaus nach Tanger zu fahren. Das versuchten wir unter allen Umständen zu verhindern. Die Hygienebedingungen in marokkanischen Krankenhäusern sind miserabel. Never ever! Erst recht nicht mit einem Kleinkind. Ein Krankenhaus mit europäischem Standard soll uns behandeln. Komme was wolle. Wir telefonierten mehrfach mit unserer Auslandskrankenversicherung (Hansemerkur), die uns in dieser Situation nicht wirklich geholfen hat. Wir baten telefonisch darum, uns gute Krankenhäuser rauszusuchen, da wir selbst kein Internet für die Recherche hatten. Außer diversen blöden Antworten bekamen wir keine Unterstützung. Diese Versicherung können wir für den Ernstfall nicht weiterempfehlen. Also kontaktierten wir in unserer Not das hilfsbereite marokkanische Ehepaar, welches wir in Fès kennengelernt hatten. Vielleicht erinnert ihr euch noch...sie hatten uns auf der Straße aufgesammelt und zum Supermarkt begleitet. Die beiden waren sofort hilfsbereit und rieten uns, spontan über Ceuta auszureisen. Ceuta ist eine spanische Enklave auf dem nordafrikanischen Kontinent und verfügt über eine moderne Uniklinik nach europäischem Standard mit spanischen Ärzten. Zwar müssten wir dort auch auf besseres Wetter Warten, bis wir auf's spanische Festland überschippern können, allerdings könnten wir die Zwischenzeit nutzen und uns ins Krankenhaus begeben.

 

Ausreise über Ceuta - Wie bei Sodom und Gomorrha!

Planänderung! Auf geht's nach Ceuta. Na das kann ja heiter werden...

 

Schon im Vorfeld haben wir von anderen Reisenden die schlimmsten Horrorgeschichten über die Ausreise über die spanische Enklave gehört. Man erzählte uns, dass Flüchtlinge sich unter die Fahrzeuge klemmen würden, um auf diesem Wege unentdeckt die spanische Grenze zu passieren. Und mit ganz viel Pech schmuggeln sie in deinem Fahrzeug auch noch irgendwelche unerlaubten Substanzen über die Grenze. Die Rechtsfolgen für den Fahrer, vom Menschen- bis zum Drogenschmuggel, das muss ich hier keinem erzählen.... Wir befinden uns schließlich in einem afrikanischen Land fernab unseres guten deutschen Rechtssystems.

 

Ein heißes Pflaster, wo wir uns gerade hinbewegen. Aber was bleibt uns anderes übrig? Nichts... deshalb Augen zu und durch. Und so machten wir in Windeseile unseren Bolle startklar und fuhren ohne einen einzigen Groschen Geld in der Tasche in Richtung Ceuta. Wir haben all unser Bares vorab ausgegeben in dem Bewusstsein, dass wir auf dem Hafengelände Tanger Med eh keins mehr brauchen würden. Na das kann ja heiter werden. Merke: Habe immer einen Notgroschen dabei ;)

 

Über ein wunderschönes Gebirge ging es malerische Serpentinenstraßen entlang der Steilküste. Was für eine gigantische und imposante Landschaft! Aber die zahlreichen Polizeikontrollen auf den Straßen zwischen Tanger und Ceuta verunsicherten uns. Wird wohl seinen Grund haben.... Aber wie sonst überall in Marokko genügte ihnen ein flüchtiger Blick auf unser deutsches Nummernschild und schon wünschte man uns mit einem breiten marokkanischen Grinsen und einer winkenden Handbewegung gute Weiterfahrt. Wir waren extrem angespannt und besprachen alle Eventualitäten, die uns erwarten könnten, während Zoe friedlich in ihrer Babyschale döste. Darüber waren wir heilfroh, denn der Grenzübergang erforderte unser beider volle Aufmerksamkeit. 

 

Nach einer guten Stunde sahen wir vom Berg aus in Richtung Küste bereits den ersten wuchtigen Grenzzaun. Aus den Nachrichten wissen wir, das dieser Zaun nicht nur einmal von Flüchtigen erfolgreich gestürmt wurde. Aber wir fragen uns ernsthaft, wie das möglich sein konnte, denn hinter dem Zaun war nichts als schroffe Steilküste. Nun sahen wir auch den marokkanischen Grenzübergang. Es war ziemlich viel los hier. Regen, Sturm, Dämmerung, zwei Fahrzeugschlangen und dazwischen ein Gewusel von Menschen. Also stellten wir uns mit unserem Bolle in eine der beiden Schlangen. Erstes Manko: Weit und breit kein zweites Reisemobil, mit dem wir uns kurzschließen könnten. Das ist schlecht! Überall nur überfüllte Autos und Kleintransporter afrikanischer Abstammung. 

 

Alles von Außen verriegelt... check! Rückfahrkamera an....check! Spiegel ordentlich eingestellt, damit man das komplette Fahrzeug im Blick hat... check! Merlin's Präsenz auf dem Beifahrersitz....check! Jacke und Schuhe waren angezogen für den Fall der Fälle.

 

Plötzlich ging alles unglaublich schnell.... unser ganzes Fahrzeug war umzingelt von Menschen, die um unseren LKW herumwuselten. Und das ist genau die Taktik.... Hektik erzeugen und Ablenkungsmanöver starten. Jetzt heißt es "Ruhe bewahren". Wir wussten garnicht, wo wir überall hinschauen sollten. Die Grenzkontrollen waren noch weit entfernt. Wir waren ganz auf uns alleine gestellt in einer Autoschlange, wo es kein Umdrehen mehr gab. Eine kurze Anweisung von Daniel und schon waren wir ein eingespieltes Team.... Daniel fuhr und hielt die beiden Außenspiegel im Auge, während ich mich ausschließlich auf die Rückfahrkamera fokussierte und im Notfall Zoe und Merlin verhandfestigte. Die süße Maus schlummerte friedlich weiter und bekam von der Hektik nichts mit. Irgendwie war es ein gutes Gefühl zu wissen, dass Merlin neben dem Maxi Cosi wachte. Unsere alte Fellnase war extrem unruhig. Ständig klopfte und hämmerte es an unsere Kabinenwand. Wir waren beide fokussiert und zählten die Personen neben und hinter unserem Auto. In der Rückfahrkamera beobachtete ich, wie die halbstarken Jungs draußen sich immer wieder bückten, um unseren LKW von unten zu inspizieren.  Unser Bolle bietet dafür ja die besten Voraussetzungen mit so viel Bodenfreiheit. Mal waren die Männer an der Seite des Fahrzeugs und dann wieder hinten. Es war offensichtlich, dass sie unser Fahrzeug auskundschafteten für einen Fluchtversuch.

 

Wir hatten einen heiden Respekt. Aber komischerweise artete es nicht in Angst aus. Dazu war der Adrenalinspiegel zu hoch. Wir waren in absoluter Alarmbereitschaft und im Kämpfermodus. Sowohl wir, als auch unser geliebter Bolle, sollten unversehrt aus dieser Nummer rauskommen. Es ist ein ganz blödes Gefühl zu wissen, dass man einer gefährlichen Situation ausgeliefert ist und alle Fluchtwege versperrt sind. Daniel und ich waren in ständigem Sprechkontakt...

"zwei Jungs an der rechten Kabinenseite, drei links und fünf Jungs hinter dem Fahrzeug"

.... Wir versuchten uns die Anzahl der Personen zu merken.

Plötzlich stieg einer der Halbstarken von hinten auf unsere Kabine hoch und hielt sich an der am Heck montierten Stahlleiter fest.

"Festhalten, Schatz!"

Mit ein paar gekonnten Lenk- und Bremsmanövern schüttelte Daniel ihn wieder ab. Ihr fragt euch jetzt bestimmt, wo die anderen PKW's waren. Tja... die hielten sich dezent aus der Sache raus, ließen hinten extra viel Platz zum Austoben und schauten nur gelangweilt drein. In etwa so, als ob das für sie überhaupt nichts Außergewöhnliches wäre. Daily Business eben. Oder ein Schützen der eigenen Landsmänner. Das machte mich fuchsteufelswild! Warum hupte keiner, um uns zu zeigen, was hinter unserem Fahrzeug abging? Wir versuchten weiterhin, die Zahl der Personen an unserem Fahrzeug zu beobachten....

 

Zugriff! Daniel mitten im Gerangel...

Ich starrte wie vernarrt auf den Bildschirm unserer Rückfahrkamera. Ihre Hände waren permanent an unserem Fahrzeug dran. Wir waren so wütend darüber! Und dann das Unfassbare... Ich rief:

"Schatz, zwei Jungs sind weg..... sie sind unter unser Fahrzeug gekrabbelt... ich kann sie nicht mehr sehen". Plötzlich ging alles ganz schnell.

Von Daniel hörte ich nur noch:

"Schatz, setz dich ans Steuer und verriegel die Türen von innen" und schon sprang er aus dem Auto heraus und stürzte sich in die große Traube. 

War das sein voller ernst?? Ich schrie noch "Daniel, nein,..... geh nicht raus" aber das hörte er bereits nicht mehr.

 

In dieser Situation lernte ich meinen Mann von einer ganz anderen Seite kennen. Normalerweise geht er jeder körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg. Aber jetzt sprang er wie ein Löwe aus unserem LKW und beschütze "Haus und Familie". So habe ich ihn noch nie erlebt. Ich spürte in ihm eine ungeheure Wut und keinen Anschein von Unsicherheit oder gar Angst.

 

Nun musste ich notgedrungen die Tür von innen verriegeln, weil die Jungs ja wussten, dass ich alleine im Fahrzeug saß. Mein Mutterinstinkt war so präsent wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Also Tür-Knopf runter. Aber ich hatte auch Angst um Daniel, denn da draußen war er ganz alleine unter den vielen Halbstarken. Aber es blieb mir nichts anderes übrig als das Geschehen von den Seitenspiegeln aus zu beobachten und griff in meiner Not zum Feuerlöscher. Ich malte mir aus, was ich machen würde, wenn Daniel da draußen angegriffen wird. Würde ich mit dem Feuerlöscher rausspringen und ihm helfen? Aber dann wären Merlin und Zoe alleine im unverschossenen Auto. Das war ausgeschlossen. Also blieb ich auf Abruf und war innerlich darauf vorbereitet, Merlin gleich aus dem Auto springen zu lassen. Den Feuerlöscher in der Hand hielt ich sichtbar in die Scheibe.

 

Daniel stürzte sich in den Pulk und ich sah im Spiegel nur noch ein Gerangel aus Handgreiflichkeiten. Ein Flüchtling hatte sich tatsächlich zwischen unserer Hinterachse und dem Fahrzeugchassis versteckt und wollte sich so über die Grenze schmuggeln. Ich sah aus dem Rückspiegel, dass Daniel versuchte, ihn unter unserem Auto herauszuziehen, aber die anderen Halbstarken kamen ihrem Flüchtlingsfreund zur Hilfe. Gott sei dank hatten die Jungs keine Waffen bei sich und so blieb es lediglich bei dem Gerangel. Leider zerriss dabei auch die Jacke des Schmugglers, der sich vehement wehrte, seinen Platz auf der Hinterachse zu verlassen. Daniel gestikulierte und schrie laut, damit die Angreifer verschwinden und sich nicht mehr unserem Fahrzeug näherten. Mit dieser offensiven Gegenwehr hatten die Jungs scheinbar nicht gerechnet und sie mussten erkennen, dass ein Fluchtversuch in unsrem Fahrzeug keinen Sinn mehr macht.

 

In den folgenden 30 Minuten vor Grenzübertritt kamen sie unserem Fahrzeug nicht mehr allzu nahe, auch wenn sie weiterhin nebenher liefen und beobachteten. Zoe wurde zwischenzeitlich wach und strahlte mich mit ihren tiefblauen Augen verliebt an. "Alles gut kleine Maus, bald haben wir es geschafft". Während ich Bolle im Schritttempo in Richtung Grenze lenkte, ging Daniel neben dem Fahrzeug her und hielt die Flüchtlinge auf Abstand. An der marokkanischen Grenze angekommen zwinkerte uns der dicke Grenzbeamte zu. Wahrscheinlich stand uns die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Er ging einmal mit seiner Taschenlampe flüchtig um unserem LKW und könnte sich sogar für einen kurzen Blick unter unser Auto überwinden. Aber das war's dann auch schon. Hier schien das alles keinen zu interessieren....

 

Die Wahrheit über unsere EU-Außengrenzen-Absicherung!

Ein paar Meter weiter kam die spanische Grenze, an der es ziemlich chaotisch zuging. Es waren nur wenige Kontrollschleusen geöffnet und so mussten sich die Autos von sechs auf zwei Spuren einfädeln.  Das klappte natürlich hinten und vorne nicht, da jeder der erste sein wollte. Schon von weitem konnten wir erkennen, dass sich die Beamten über uns unterhielten. Wir rechneten mit einer strengen Kontrolle unseres Fahrzeuges, was wir angesichts der Vorkommnisse für vollkommen gerechtfertigt erachteten.  Ein gründlicher Check unseres Fahrzeuges war uns ehrlich gesagt nicht unrecht. Schließlich hatten wir nichts zu verbergen, auch wenn unser Bolle prädestiniert wäre, mehrere Flüchtlinge über die Grenze zu schleusen.

 

Unsere Pässe und die Papiere von Bolle kontrollierten die spanischen Polizisten sehr akribisch. Sie glichen auch Zoe's Passfoto genauestens mit ihrem Gesicht ab... das ist ja auch wirklich wichtig, denn wir könnten ja ein Flüchtlingskind geklaut haben. Auch Merlin's Dokumente wurden penibelst gecheckt, es könnte ja ein geschmuggelter Straßenhund aus Marokko sein. Auch wurden wir nach 2 Std. Wartezeit bzw. Schritttempo an der Grenze eindringlichst dazu angehalten, dass wir uns doch bitte vorschriftsmäßig anzuschnallen hätten. "Wird natürlich gemacht, Herr Polizist!".

Leider waren die spanischen Grenzbeamten so mit der Kontrolle von uns beschäftigt, dass sie es verpasst haben, unser Fahrzeug zu kontrollieren. Sie machten sich nicht mal die Mühe, um unseren LKW herum zu gehen. Was sollen wir sagen..... das war in unseren Augen eine absolute Lachnummer. Aber Gott sei Dank schiebt man Spanien hier zur wirkungsvollen Sicherung der EU-Außengrenzen so viel Geld in den Rachen. Stattdessen steckten die Grenzbeamten sich lieber eine Zigarette nach der nächsten an. So sieht die Realität aus... und da wundert man sich über unseren unkontrollierten Flüchtlingszustrom.

 

Ceuta - eine kriminelle Grenzstadt

Endlich! Wir haben es geschafft und können aufatmen. Wir sind wieder in Europa! Schnell erreichten wir die moderne Uniklinik. Aber leider fanden wir mit unserem Riesengefährt keinen Parkplatz und beschlossen, auf einem nahe gelegenen Schotterplatz stehen zu bleiben. Bevor wir ins Krankenhaus gingen, kochten wir uns noch etwas zu essen. Wir brauchten die Verschnaufpause, um mal einen Gang runterzufahren.

Doch kaum hatten wir den ersten Bissen in den Mund gesteckt, beobachteten wir Jugendliche um unseren Bolle herumgingen und beobachteten. Oh nein, nicht schon wieder! Kurze Zeit drauf klopfte es an unserer Tür. Wir öffneten und eine Horde von Halbstarken fragte uns nach einem Schluck Wasser. Doch anstatt sich auf ihr Getränk zu konzentrieren, merkten wir, wie sie auf das innere unserer Wohnkabine starrten. Uns war klar, das ist wieder ein Ablenkungsmanöver! Das Glas Wasser, das wir ihnen reichten, bekamen wir übrigens nach einem kurzen Nippen voll wieder zurück. Hier können wir definitiv nicht stehen bleiben! Die brechen uns sonst unsere Karre auf.

 

Wir beschlossen, in der Nähe des Krankenhauses an einem anderen Platz zu stehen, wo wir Kameras am Straßenrand entdeckten und beauftragten den Parkwächter des Krankenhauses, gegen ein paar Euros unseren Bolle im Auge zu behalten. Natürlich verriegelten wir alles doppelt und dreifach.

Im Krankenhaus kamen wir wirklich schnell an die Reihe. Allerdings sah man unseren Durchfall nicht wirklich als tragisch an... "typischer Reisedurchfall eben". Eine Kotuntersuchung würde zu lange dauern. Wir bekamen weitere Medikamente verschrieben. Wir beschlossen daher, auf spanischem Festland in eine Privatklinik zu gehen und dort eingehende Laboruntersuchungen vornehmen zu lassen. Wieder am LKW angekommen bemerkten wir anhand der Stellung der Verschlusshebel, dass man versucht hatte, die Stauklappen zu öffnen. Natürlich ohne Erfolg, denn sie waren fest verschlossen. Aber man hatte es versucht.... das war Grund genug zur Sorge. Plötzlich hielt eine schwarze Limousine neben uns, öffnete das Fenster und ein Spanier sprach uns an. Er wäre Polizist auf dem spanischen Festland und wollte uns eindringlichst warnen, dass es hier nicht sicher sei und wir auf unseren Bolle aufpassen sollten. 

 

Die große Enttäuschung erreichte uns, als wir ins Hafengelände einfuhren. Wegen Starkwind sind bis auf unbestimmte Zeit alle Fährverbindungen zum Festland geschlossen. Wir blickten auf ellenlange Autoschlangen, die auf die erste Fährenfahrt hofften. Na super! Das Krankenhaus war für die Katz und nun sitzen wir hier fest. Mit Hilfe eines Polizisten suchten wir uns einen sicheren Übernachtungsplatz am Rande einer überwachten Parkanlage und beschlossen, uns am nächsten Tag um alles Weitere zu kümmern.

 

Am nächsten Tag klapperten wir einen Reiseanbieter nach dem anderen ab um herauszufinden, welche Fähre als erstes wieder das Festland ansteuert.... ohne Erfolg. Nun hieß es Warten. Wir beschlossen, zur Ablenkung in den Decathlon zu spazieren und stellten unseren Bolle direkt vor dem Laden an der Hauptverkehrsstraße ab, wo alle paar Minuten Polizisten Streife fuhren. Hier steht Bolle sicher!.... Das dachten wir zumindest. Beim Zurückkommen bemerkten wir erneut, dass alle Griffe und Hebel an Stauklappen und Türen betätigt worden waren. Wieder hatte man versucht, unser  Mobil aufzumachen und das mitten in der Innenstadt! Wir begaben uns in unser Schneckenhaus und harrten die Zeit aus. Ein Mittagschläfchen wäre doch jetzt ganz angenehm, schließlich waren wir körperlich noch nicht wirklich fit. Wir hatten kaum die Äuglein zugemacht, hörten wir, wie jemand von Außen versucht, die Stauklappen zu öffnen. Wir schauten durch die verspiegelten Scheiben nach draußen. Da wir im Schlafbereich Fenster nach allen Seiten hin hatten, konnten wir das Geschehen rund um unseren Bolle genauestens beobachten und per Video dokumentieren. Wir filmten, wie die Männer den Unterboden inspizierten und nach Öffnungen im Fahrzeug suchten. Unglaublich... Überall in Marokko fühlten wir uns sicherer als hier in Spanien!

 

Nachdem wir die Jugendlichen verscheucht hatten, filmten wir, wie sie in das eingezäunte Hafengelände einbrachen. Sie hatten sogar ein Versteck im Gebüsch, wo sie ihre Kleidung wechselten und dubiose Tüten ablegten. Erst bei genauerem Hinsehen wurde uns klar, dass sie sich Zutritt zum abgesperrten Hafenbereich verschafften, wo die Fahrzeuge und Wohnmobile auf die erste Fähre warteten. Na das kann ja heiter werden.... denn dort müssen wir jetzt auch rein! Je länger wir uns in der Stadt aufhalten, umso größer wird die Warteschlange für die Fähre, die nur begrenzte Kapazität hat. Wir  beschließen jedoch, erst einmal die Polizisten, die hier ständig Patrouille fuhren,  mit den Aufnahmen zu konfrontieren und sie auf die unmögliche Situation im abgesperrten Hafengebiet aufmerksam zu machen...

 

Die Hafenpolizei - Duldung, Korruption oder schlichtweg Überforderung?

Kaum zu glauben.... Der nette Polizist war gänzlich unbeeindruckt von unseren Erzählungen und wollte die Aufnahmen erst garnicht anschauen. Er drückte zwar sein Verständnis aus, aber wir hatten das Gefühl, dass diese Art von Kriminalität erst garnicht verfolgt wird. Warum? Das haben wir bis heute nicht verstanden! Schließlich sind ahnungslose Touristen in Ihren Campern den Gaunern im abgesperrten Hafengelände eiskalt ausgeliefert. 

 

Nachdem wir sehr lange in der Warteschlange vor dem Hafen verbrachten, durften wir gegen 14 Uhr in den abgesperrten Bereich einfahren. Zuvor passierten wir noch eine "etwas härtere" Grenzkontrolle mit  Polizeihunden. Kleine PKW's mussten sich teilweise intensiven Durchsuchungen stellen. Wir mit unserem großen LKW und viel Platz für Schmuggel jeglicher Art wurden einfach durch gewunken. Vielleicht war es unser sympathisches Lachen, vielleicht auch unser deutsches Nummernschild. Aber egal, was der Grund dafür war: diese Kontrollen waren angesichts der hier herrschenden Zustände zu lasch! Auf dem Hafengelände war von Entspannung natürlich keine Spur. Wir waren permanent damit beschäftigt, unseren Bolle durch die Fenster im Blick zu behalten. Aber irgendwann mussten auch wir uns mal zur Ruhe legen und schliefen irgendwann total ausgelaugt ein. Wer weiß, wie lange wir hier noch ausharren müssen, bis der Sturm sich gelegt hat.

 

Um 1.30 Uhr in der Nacht... ein lautes Klopfen an der Tür lässt uns aufschrecken! Wir öffneten das Fenster. Es war der "Nachbar", der uns freudestrahlend entgegenwinkte. Es geht los! Die Fähre vom Festland ist endlich angekommen und nimmt uns mit! Da die PKW's in der selben Reihe vor uns schon einige Meter nach vorne gerollt waren, hechtete Daniel durch den Durchgang ins Fahrerhaus und startete den Motor. Zoe schlief seelenruhig in ihrem Bett weiter. Wir standen in 5 Reihen nebeneinander und ganz am Anfang der Schlangen bei der Auffahrt auf die Fähre stand ein Hafenmitarbeiter, der Ampelmännchen spielen durfte. Von einer Reihe wurden jeweils ein paar Fahrzeuge reingelassen bis er mit einem Handzeichen den Zulauf stoppte. Danach kamen ein paar Fahrzeuge der nächsten Reihe dran. Von weitem beobachteten wir, dass die Fähre immer voller wurde. Ob wir da noch mitfahren können? Wir hofften inständig...

Wir hatten es geschafft! Man winkte uns durch und wir durften die Fähre befahren. Wir waren so unglaublich erleichtert.... und hundemüde! Und obwohl man das Fahrzeug eigentlich verlassen muss, bekamen wir von einem netten Fährenmitarbeiter ausnahmsweise die Erlaubnis, im Fahrzeug zu bleiben. So konnte Zoe seelig weiterschlafen und bekam von dem Trubel nichts mit.

 

Spanisches Festland - wir kommen!!!

Die Fahrt über den stürmischen Atlantik war aufgrund meiner Seekrankheit eine Herausforderung für mich. Wir lagen alle im Bett und Daniel hielt mich im Arm und besänftigte mich. Aber ich war einfach zu erschöpft... ich schlief ein und wachte erst auf, als wir das spanische Festland erreicht hatten. Wir waren heilfroh! 

 

Unser Marokko-Abenteuer begann stürmisch und endete stürmisch, wie wir es uns nie hätten vorstellen können. Wer unseren Einreisebericht noch nicht gelesen hat, den findet ihr hier. Wir sind überglücklich, dass im Endeffekt doch alles gut gegangen ist und wir unser gesamtes Hab und Gut beisammen in Ceuta halten konnten. Und doch waren wir fix und fertig! Wir beschlossen, die uns noch verbleibende Elternzeit in Portugal ruhig anzugehen und erst einmal Strandurlaub zu machen. Auch wenn wir Abenteurer sind, so hatten wir vorerst genug davon und wollten einfach nur relaxen und die letzten Tage verarbeiten. 

 

Jedem, der sich noch nicht ganz sicher ist, ob er über Tanger Med oder über Ceuta ein- bzw. ausreisen möchte, dem brauchen wir nach diesem Reisebericht wohl keine Handlungsempfehlung mehr auszusprechen. Der Hafen Tanger Med ist für afrikanische Verhältnisse hochmodern ausgestattet und hier stellt sich die Problematik garnicht erst, da die europäische Grenze erst auf dem spanischen Festland kommt. Im Nachhinein hätten wir besser am Hafen von Tanger Med ausharren sollen. Wir wären wahrscheinlich nicht viel später in Algeciras angekommen.

 

Nun geht's erst einmal in Richtung Jerez de la Frontera, wo wir uns eingehenden Untersuchungen unterziehen möchten. Und dann ab nach Portugal.... wir freuen uns riesig!

 

Wir melden uns bald wieder mit dem ersten Portugal-Bericht! 

Bis dann,

eure Globullis :)

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